Beinahe 40 Tage ohne Alkohol: Mein Notfallplan für einen eventuellen Rückfall

Heute vor 39 Tagen beschloss ich keinen Alkohol mehr zu trinken. Ich bereue diese Entscheidung keinen Tag und keine Sekunde. Es ist ein unsägliches Gefühl, nach und nach die Macht über mein Leben zurück zu gewinnen. Auf meinem Schreibtisch stehen nun selbstgebackene Kekse und Roibostee. Ich genieße die verschiedenen Aromen von Tee, die mich umgeben, so wie früher in meiner Studentenzeit. Mein Geruchssinn ist sehr viel feiner geworden und überhaupt nehme ich meine Umwelt und meine Mitmenschen wieder wahr. Ich bin wieder präsent, ich denke nicht mehr an das nächste Glas Alkohol oder erhole mich von einer durchgefeierten Nacht. Es geht bergauf, Tag für Tag.

„Was machen Sie, wenn der Trinkdruck so groß wird und Sie an einem Tag unbedingt trinken möchten, wenn Sie morgens schon merken, dass irgendwas anders an dem Tag ist?“, fragt mich die Psychologin aus der Beratungsstelle, die ich hin und wieder aufsuche und der ich stolz von meiner fünfwöchigen Abstinenz berichtet hatte. Da ich nicht genau wusste, worauf sie hinauswollte, erklärte sie mir, dass es immer Tage im Leben von Menschen mit einem Alkoholproblem gäbe, in denen der Wunsch nach Alkohol so stark werde, dass der Wille „nein“ zu sagen, nicht reiche. Die betroffene Person entwickle einen solchen Tunnelblick, dass der normale Verstand nicht reiche. In anderen Worten: Ich müsse mit einem „Rückfall“ rechnen und diesen so gut es geht mental vorbereiten und einen Notfallplan entwickeln.

Also besteht meine Aufgabe darin, mir zu überlegen, wie mein persönlicher Notfallplan aussehen kann. Ich werde weiterhin keinen Alkohol im Haus haben, das ist ja wohl klar. Ansonsten schreibe ich mir folgende Punkte auf ein Kärtchen, das ich in mein Portemonnaie legen werde:

Notfallplan: 1. Ich rufe meinen Mann an und erzähle ihm von meinem Wunsch zu trinken. 2. Ich werde eine Runde joggen gehen und 10 Minuten richtig sprinten. 3. Ich lege mich in die heiße Badewanne. Und wenn das alles nichts hilft oder möglich ist: ich beiße in eine getrocknete Chili. Und die Chili werde ich auch mit in den Geldbeutel legen. Im Notfall, wenn gar nichts anderes mehr hilft, werde ich es tun. Dann werden alle meine Sinne wohl erst einmal mit anderen Gedanken beschäftigt sein, als wirklich den Alkohol zu besorgen oder gar zu konsumieren.

Die Idee mit der Chili gab mir meine Psychologin von der Beratungsstelle mit. Daran erkenne ich, wie gut es tut, mit Menschen zu sprechen, die Ahnung und Wissen in ihrem Themenfeld haben und schon jahrelang mit suchtkranken Menschen zusammenarbeiten. Daher kann ich nur dringend empfehlen, euch Hilfe und Unterstützung zu suchen, wenn ihr merkt, dass sie euch nützlich ist. Ich bin froh, diesen Schritt vor beinahe zwei Jahren gegangen zu sein und zu wissen, dass es da jemanden gibt, der mich darin unterstützt, in kontrollierten Mengen, weniger oder überhaupt nicht zu trinken. Alle diese Versuche hatte ich bereits gewagt, bevor ich den radikalen Schritt des alkoholfreien Lebens wagte. Ich konnte das Tempo vorgeben und ich bin so unendlich dankbar, diesen Weg, ein Leben ohne Alkohol, eingeschlagen zu haben. Ich bin neugierig darauf, wie es weiter geht und wünsche mir noch viele Tage, an denen ich morgens die Kraft habe „nein“ zum ersten Glas zu sagen.

Seid ganz herzlich gegrüßt.

Eure Freya

Erkenntnis des 39. Tages: Hilfe zu suchen, ist keine Schwäche!

Tag 24-31: Abstinenz vom Alkohol macht frei

Seit meinem letzten Blogeintrag ist eine ganze Woche vergangen. Die Arbeit und auch der wiedergewonnene Lebensspaß haben daran in einem positiven Sinne Schuld. Meine App zeigt heute Tag 32 ohne Alkohol an und das Beste ist: ich bin wirklich konsumfrei geblieben!! Es ist ein unbeschreiblich glücklich machendes Gefühl. Ich ruhe immer mehr in mir selbst, ich kann mich besser denn je konzentrieren und ich bin körperlich von Tag zu Tag fitter.

Letzte Woche Samstag bin ich dann doch noch ausgegangen. Auf eine Party. Und es war eine super interessante Erfahrung nicht zu trinken, während um mich herum die anderen Partyteilnehmer langsam lustiger, alkoholisierter und lauter wurden. Ich stand mit einer Cola, einem Wasser oder einer Fanta abwechselnd in der Hand da und genoss es, zu beobachten. Die Klarheit an diesem Abend war beeindruckend, ich konnte gut Gespräche führen, tanzen, mich bewegen. Das Coolste war: ich wusste während der ganzen Party, dass ich am Sonntag keinen Kater haben würde, dass ich ausgeschlafen sein würde, dass ich wissen würde, was am Abend gelaufen ist und dass ich die Kontrolle haben würde und nicht der Alkohol! Dieses Wissen gab mir die Kraft jedes Mal an der Bar wieder ein alkoholfreies Getränk mit einem breiten Lächeln zu bestellen.

Meine Begleitung hatte es schnell begriffen, dass ich keinen Alkohol trinken würde und trank selbst auch nichts. Fragen wurden überhaupt gar keine gestellt. Ich musste mich für meine Cola in der Hand nicht rechtfertigen. Ganz im Gegenteil: ich bekam bewundernde Blicke zugeworfen.

Für mich war es ein großes Erfolgserlebnis. Nein zum Alkohol zu sagen, obwohl er auf dieser Party gratis war, obwohl fast alle Personen um mich herum tranken. Es war zudem eine gute Bestätigung für mein Ego und für meinen Willen. Mein Körper dankte es mir am kommenden Morgen ebenso: denn obwohl ich erst um drei Uhr nachts im Bett war, konnte ich am Sonntag bereits um zehn Uhr in der Küche stehen und Kuchen backen- beseelt mit Erinnerungen an einen schönen Partyabend. Völlig nüchtern.

Erkenntnis des 31. Tages: Party ohne Alkohol geht und Spaß macht die Nüchternheit.

Seid alle herzlich gegrüßt.

Eure Freya

Tag 23: Kein Alkohol-keine Party?

Eigentlich hatte ich heute vor, der Frage nachzugehen, woran sich Alkoholabhängigkeit festmachen lässt. Allerdings merke ich, dass mein Kopf am Ende der Woche nicht so arbeiten kann, wie mein Geist es will. Deshalb schreibe ich jetzt einfach über meinen aktuellen inneren Zustand und darüber wie ich mich aktuell mit dem Leben ohne Alkohol fühle.

Ehrlich gesagt bin ich gerade an einem Punkt, wo ich das Gefühl habe, gerne wieder Alkohol trinken zu wollen. Das vierte Wochenende in Folge ohne Party, ohne ausgehen, ohne Wein und Bier. Ich hätte gerade wirklich Lust, zwei Gläser Weißwein zu trinken und danach tanzen zu gehen. Es ist Freitag und ich möchte gerne die stressige Woche hinter mir lassen. Ich frage mich, ob ich nicht doch einfach wieder trinken sollte. Die Vorstellung, nüchtern zu einer Party zu gehen, ertrage ich gar nicht. Außerdem will ich ja gerade zur Party, damit ich Alkohol trinken kann. Die Vorstellung lockt mich enorm.

Da ich dieses Gefühl jetzt seit ein bzw. zwei Stunden habe, beschloß ich an den Rechner zu gehen und zu schreiben. Mein Mann rief von unterwegs an und fragte mich, was er denn einkaufen solle. Ich antwortete ihm, eine Flasche Weißwein. Einfach um zu testen, was er sagen würde, vielleicht auch um zu wissen, wie ich reagiere, wenn ich doch nun die Möglichkeit hätte, an den Wein zu gelangen, ohne selbst aus dem Haus zu gehen. Die Antwort kam prompt: Freya, du bist alt genug, du weißt, dass du bei zwei Gläsern Stop sagen solltest. Wenn du das gelernt hast in den letzten drei Wochen, dann ist es ja gut. Ich liebe meinen Mann, aber das hat er wohl noch immer nicht verstanden. Dass ich ja genau das ja nicht kann bzw. will. Ich will ja dann weiter trinken. Das weiß ich. Ich würde mich gleich nach dem Wein so gut fühlen, dass ich auf die Party gehen würde und noch mehr Alkohol trinken würde. Ich kann meinem Mann aber auch nicht böse sein, den Wein mitbringen zu wollen, weil er ja nicht mein Aufpasser ist und mir auch nie etwas aufzwingen würde- auch das Nichttrinken nicht. Er sagte nur, wie schön es doch heute Nachmittag gewesen sei, mich so fröhlich wie seit Langem nicht Blumen umtopfen zu sehen, wie ich wieder scherzen und lachen würde, wie losgelöst und fröhlich gerade sei. Ich sagte nur: Okay, lass den Wein bitte im Laden. Und da bleibt er jetzt auch. Bereits als ich zu meinem Schreibtisch kam, den Rechner hochfuhr und anfing zu schreiben, dachte ich mir: Nein, Freya, du hast eine Aufgabe, du hast eine Botschaft an die Menschen, die deinen Blog lesen. Du kannst doch jetzt nicht einfach selbst aufgeben. Ich fing an, diesen Eintrag zu schreiben, ich weinte dabei und dann kam der soeben geschilderte Anruf meines Mannes. Es lief alles parallel.

Rechts neben dem Schreibtisch habe ich einen großen Jahresplaner hängen. Ab dem 2. Januar trage ich jeden Tag ein Herz ein. Heute ist Freitag, der 24. Januar. Die Reihe von Herzen gibt mir Kraft, es weiter zu machen. Jeden Abend nach 18 Uhr trage ich ein Herz in den Kalender ein. Was hätte ich heute eingetragen, wenn ich nun trinken würde? Einen Strich? Ein Kreuz? Einen traurigen Smiley? Nichts? Es würde mir weh tun, diese Linie an Herzen zu durchbrechen.

Mein Mann schickt mir gerade ein Bild von der Supermarktkasse. Nach dem ersten Blick denke ich: Krass, wie viele Wasserflaschen hat der denn auf das Kassenband gelegt. Nein, nichts da. Beim Vergrößern des Bildes sehe ich, dass es zwölf Wodkaflaschen sind! Leute, ich erzähle keine Märchen. Hinter dem Kassenband ist das übliche Regal an der Kasse mit alkoholischen „kleinen“ hochprozentigen Getränken zu sehen. Unsere Gesellschaft ist sowas von verrückt. Alkohol ist dauerpräsent. Mein Mann schreibt mir, dass es Jugendliche seien, die das Zeugs kaufen würden und noch Witze à la : “ Ein ordentliches Frühstück“ machten. Mir dreht sich der Kopf gerade und mir wird wirklich schlecht.

Somit möchte ich heute als Anregung für morgen mit einem Video bzw. Songtip meinen Blog schließen. „Alors on danse“ von Stromae thematsiert den Teufelskreis der Abhängigkeit und den gesellschaftlichen Diskurs rund um das Thema Alkohol. Schaut euch das Video einfach an. Wenn man genau hinschaut und den text dazunimmt, begreift man, dass dieses Lied alles andere ist als eine Verherrlichung von Alkohol, so wie es beim Anschauen des Clips vielleicht auf den ersten Blick aussehen mag. Morgen dann, im ausgeschlafenen Zustand, werde ich meine Gedanken zu diesem Lied, aber auch meine Gedanken zum Thema Abhängigkeit erläutern.

Die Flasche Wein steht im Supermarkt und ich bin stark geblieben. Ich freue mich nun auf ein gesundes Abendessen, viel Wasser und einen nächsten katerfreien Samstag.

Erkenntnis des 23. Tages: Alkohol und Party kann mich mal 😉 Stärker als die Versuchung sein wird sich sicherlich lohnen.

Liebeste Grüße an euch alle draußen. Danke für eure Zeit, meine Gedanken zu lesen und hinterlasst mir doch einfach einen Kommentar.

Eure Freya

Tag 22: Meine 10 Tips um die erste Woche ohne Alkohol zu leben

Die ersten Tage ohne Alkohol waren ehrlich gesagt ziemlich gewöhnungsbedürftig. Nun, wie schaffte ich es eigentlich dann konkret die erste Woche komplett nüchtern zu bleiben?

1. Ich habe kein Alkohol im Haus und ich kaufe mir keine alkoholfreien Getränke. Ganz einfach deshalb, weil ich mir ein anderes Muster zulegen möchte. Auch alkoholfreie Getränke erinnern an den Geschmack von Bier und ich will mit nichts zu tun haben, das ich im Entferntesten mit Alkohol in Verbindung bringe.

2. Wenn ich merkte, dass ich Lust hatte etwas alkoholisches zu trinken, trank ich Wasser, Saft oder Tee. Und ich schob den Gedanken Alkohol konsumieren zu wollen innerlich auf 20 Minuten weiter und sagte mir, dass ich mich mit dem Gedanken erst dann beschäftigen werde. Erstaunlicherweise verging die Lust auf Alkohol in dieser Zeit wieder.

3. Ablenkung und Beschäftigung war für mich fundamental wichtig. Ich weiß, normalerweise sollte Aktivität im Leben etwas Selbstverständlcihes sein, aber wenn es „normal“ gewesen ist, ein Glas Alkohol in den Händen zu halten (spätestens nach erledigter Arbeit und wenn die Kinder im Bett waren), dann fällt es einem gar nicht ein, dass man in der „Trinkzeit“ auch etwas anderes erledigen könnte. Ich musste mich also bewusst in Aktivitäten „zwingen“!

4. Planung im Vorraus ist dabei sehr hilfreich. So strukturierte ich mir am Abend zuvor jeweils den nächsten Tag : Ich schrieb mir in meinen Kalender, der auf meinem Nachttisch liegt und mir gleichzeitig als Tagebuch dient, drei Dinge hinein, die ich am nächsten Tag unbedingt erledigt haben wollte. Wenn ich es nicht schaffte und stattdessen andere Dinge erledigte, war das für mich auch okay. Es geht einfach darum, dass man mit einem mentalen Bild, einer inneren Vorstellung vom kommenden Tag einschläft.

5. Ich ging die ersten Tage viel aus dem Haus: ich fand es super schön durch den Supermarkt zu schlendern und mir die vielen bunten Regale bewusst und nüchtern (das heißt mehr als zwei Tage konsumfrei) zu betrachten. Ich freute mich mir in der getränkeabteilung bunte und schöne Flaschen mit verschiedenen Säften auszusuchen und in der Teeabteilung die verschiedenen Aromen zu riechen. Ich ging mir ein wenig neue Kleidung kaufen.

6. Entspannung war für mich auch ein super zentrales Thema. Ich habe für mich herausgefunden, dass eine Tasse Kaffee vor dem Fernseher nach der Arbeit sehr tun gut kann, dass es mir gut tut heiß duschen zu gehen und mir bequeme Sachen anzuziehen. Das mag sich jetzt eventuell blöd anhören, aber auch dazu musste ich mich innerlich motivieren, es anders zu machen als früher, wo es doch zur Gewohnheit geworden war, ersteinmal das „Feierabendbier“ zu trinken.

7. Akkzeptanz ist ebenso ein wichtiges Stichwort. Ich akzeptierte, dass es mir manchmal schlecht ging. Dass ich Kopfschmerzen hatte, dass ich Schüttelfrost hatte, dass ich Verdauungsprobleme hatte. Ich litt darunter,aber bewusst. Und ich haderte mit dem Leid nicht. Ich wusste, dass dieser Prozess zu meiner Heilung beitragen würde. Diese leichten Entzugserscheinungen waren für mich ein Zeichen dafür, dass ich jahrelang ungut gelebt hatte, aber auch dafür, dass nun Veränderung eintreten wird. Ich ent-giftete. (Die Vorsilbe „ent“ bedeutet ja immer, dass etwas beendet ist;-)) Ich setzte somit den Giften in meinem Körper ein Ende.

8. Ich ging schlafen, wenn ich müde war. Schlaf war die erste Woche für mich die beste Medizin. Ich war oft so unendlich müde. Somit kuschelte ich mich in mein Bettchen sobald ich konnte. Oder ich legte mich abends früh schlafen. Auch wenn ich nicht sofort einschlafen konnte, so hat es mir unglaublich gefallen, nüchtern ins Bett zu gehen, bewusst die Augen zu schließen.

9. Ich setzte mir ein Ziel, was ich mir von den 35 Euro des gesparten Geldes kaufen würde, wenn ich die erste Woche überstanden hätte. Ein Erinnerungsstück an die erste konsumfreie Woche. Es sollte ein Schmuckstück sein, das mich die nächste Zeit an mein eigenes Versprechen halten wird. Mir ist in der Tat eine schlichte vergoldete Kette mit einem runden Amulett in die Hände gefallen. Ich trage diese Kette sehr gerne und wenn ich den Spiegel schaue, dann bin ich sehr sehr stolz auf mich.

10. Ich fing an, Ordung zu machen. Bewusst. Eigentlich bin ich kein Mensch, der gerne aufräumt. Aber erstens habe ich nun freigesetzte Zeit und zweitens merke ich, dass die Ordnung im Außen dabei hilft, auch innerlich mit mir aufzuräumen. In meinem Kopf ordnen sich die Gedanken neu und die aktive Beschäftigung mit Ordnung und die Konzentration auf das Aufräumen erleichterten es mir auch ungemein, mich nicht länger mit den Gedanken an Alkohol auseinandersetzen zu müssen.

An dieser Stelle höre ich mal auf. 10 Tipps reichen wohl für den Anfang, für die ersten Tage ohne Alkohol. Der wohl wichtigste Tipp besteht darin, im Aufhören zu Trinken kein Leid zu sehen, sondern es als beglückend und befreiend wahrzunehmen. Die Konsumfreiheit als neue Erfahrung zu nehmen, sie als Reise zu sich selbst zu sehen. Bevor man auf eine Reise geht, ist man ja auch freudig erregt.

Achtung: Mein Glück war, dass bei mir keine körperliche Abhängigkeit vorliegt. Falls ihr von euch wissen solltet, dass ihr körperlich abhängig seid und sehr viel Alkohol konsumiert, dann geht bitte unbedingt zu eurem Hausarzt bzw. eurer Hausärtzin. Besprecht mit ihm oder ihr, dass ihr mit dem Trinken aufhören möchtet. Ihr werdet dann sicherlich beraten, wie ihr in eurer persönlichen Situation damit am besten umgehen könnt. Ein kalter Entzug (von jetzt auf gleich komplett gar nichts mehr zu trinken) ist je nach konsumierter Alkoholmenge lebensgefährlich und kann sehr schlimme Krampfanfälle und einen Herzstillstand auslösen.

Erkenntnis des 22. Tages: Kein Alkohol zu trinken ist eine enorme Befreiung und Bereicherung für das Leben.

Ich wünsche euch allen einen wunderbaren Abend.

Eure Freya

Tag 21: Ich erkläre die App Quit drinking-Stay sober

Gestern bereits kündigte ich an, heute meine Handy App vorzustellen, welche mich seit meinem ersten nüchternen Tag begleitet. Ich habe sie aktiviert, als ich beschloss endlich konsumfrei zu leben. Ich hatte zuvor auch einige andere probiert, aber diese befand ich für mich am besten.

Ganz oben links wo die drei Balken sind, erscheint beim Tippen eine Leiste, in der man u.a. das Benutzerprofil (User profile) anlegt. Dort gibt man das Datum und die Uhrzeit des Trinkstopps ein (Quitting hour) und wie viel Geld man pro Woche für Alkohol ausgibt (Money spent weekly) und wie viel Drinks man wöchentlich zu sich nimmt (Drink per week). Zudem klickt man an, in welcher Währung man in seinem Land bezahlt (Currency).

Ehrlich gesagt, fiel es mir ziemlich schwer, abzuschätzen, welche Summe und wie viele Getränke ich angeben soll. Ich machte somit eine durchschnittliche Rechnung inklusive Ferien und Restaurantbesuchen, wo der Alkohol ja nochmals teurer ist. Da ich am Wochennde meistens 2-3 Flaschen Wein trank und unter der Woche 3 kleine Bier kommen 30 Getränke für mich cirka hin. Wenn man da wirklich Sicherheit haben will, kann man sein Trinkverhalten ja für eine Weile aufschreiben. Ich habe das monatelang getan und sah somit schwarz auf weiß, was ich tagtäglich konsumierte.

So, wenn das Userprofile ausgefüllt ist, muss nichts weiter getan werden. Die App berechnet alle angegebenen gesundheitlichen Erfolge und Ersparnisse aufgrund dieser Daten. Auf dem ersten Bildschirm wird dann dein Erfolg (Progress) angezeigt. So steht unter einem Balken immer das nächste Ziel (bei mir bald drei Wochen) und darüber die Prozentangabe bis zu diesem Ziel (in meinem Fall gerade 99,60%). Neben einer Uhr stehen die nüchternen Tage und Stunde angezeigt, darunter ein Sparschwein, das das gesparte Geld visualisiert, folgend von einem Herz mit EKG-Stromzeichen, das die „wiedergewonnen Tage“ aufgrund von Alkohlverzicht anzeigt und abschließend findet man ein Symbol mit durchgestrichenen Gläsern, das die ausgelassenen Drinks verdeutlicht. Darunter dann ist eine Tabelle zu finden, die der Frage nachgeht, was man im Gegenzug für das konsumfreie Leben zurückerhält. Diese Tabelle zeigt Daten von einer Woche bis zu 20 Jahren an. Und man glaubt es kaum: in meinem Fall würde ich, wenn ich weiterhin nüchtern bleibe innerhalb von 20 Jahren 36 500 Euro sparen und 1 Jahr 2 Monate und 8 Tage länger zu leben haben.

Neben dem Symbol Progess oben auf dem Bildschirm ist ebenfalls ein Herz zu finden, das Health (Gesundheit) heißt. Dort wird der gesundheitliche Fortschritt angezeigt. Diese dann auftauchenden Symbole sind nicht zufällig in der vorgegebenen Reihenfolge angeordnet. Die Anordnung wird davon bestimmt, wie lange der Körper braucht um sich in den einzelnen Bereichen zu regenieren. So wird der Alkohol im Blut beispielsweise innerhalb eines Tages abgebaut, aber bis sich die körperliche Gesundheit wieder stabilisiert hat, das kann bis zu zwei Wochen dauern. Klickt man das jeweilige Symbol dann an, erscheint unten auf dem Smartphone eine Erklärung, was mit dem jeweiligen Item gemeint ist. Für körperliche Gesundheit steht zum Beispiel geschrieben: Nach zwei Wochen wird sich die körperliche Gesundheit beginnen zu verbessern. Das Verdauungssystem, Schlaf, die Sehschärfe und das Hautbild wird sich beginnen zu verbessern.

Ich persönlich empfand es zunächst schockierend zu sehen, welche Regionen des Körpers und des Gehirns von meinem Alkoholkonsum überhaupt betroffen sind. Dann wurde mir aber bewusst, dass ich all diese Regionen meines wichtigsten Werkzeuges jahrelang ignoriert hatte. Nun freue ich mich, dass ich einige Ziele unter „Health“ schon erreicht habe und warte sehnsüchtig auf die „Physical Fitness“. Die körperliche Fitness fühle ich ehrlich gesagt nämlich noch wenig, aber laut dieser App habe ich auch bereits 11,5% erreicht und wenn man ihr Glauben schenken kann, dann dauert es insgesamt 6 Monate nach dem ersten letzten Glas Alkohol bis die körperliche Fitness sich wieder normalisiert hat. Dennoch wird auch der Tip gegeben, dass regelmäßige Bewegung den Körper schneller fit machen. Ach ne 😉

Ich bin mir bewusst, dass alle diese Angaben der App nur Näherungswerte sind, da ich am Beginn viel zu wenige Angaben im Benutzerprofil angeben musste, um einen Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit erheben zu können. Dennoch finde ich sie sehr motivierend, es ist eben ein Spiegel, der mir vor Augen gehalten wird. So muss man die App auch sehen: sie wird keine Garantie dafür sein, dass man überhaupt aufhört zu trinken, aber sie visualisiert die wichtigsten Erfolge und unterstützt einen darin, das Ziel konsumfrei zu leben zu verfolgen.

Neben diesem latenten Gefühl, dabei zu sein in die Abhängigkeit zu rutschen oder vielleicht bereits abhängig zu sein, machte ich mir nämlich am meisten Gedanken über meine Gesundheit. Und klaro, mich ärgerte auch das Geld, das ich so lange aus dem Fenster schmiss. Gerade jetzt, beim Tippen der letzten Zeilen, kommt mir ein Gedanke: Man kann die Tabelle, welche das gesparte Geld anzeigt, auch anderherum lesen 😉 Oh shit, ich will es gar nicht wissen, aber ich schaue jetzt nach. Oh mann, ist das krass !!! Da ich ja weiß, dass ich seit fünf regelmäßig Jahren trinke, kann ich mich nicht belügen: ich habe fast 10 000 Euro für Alkohol ausgegeben. Und vermutlich sogar mehr. Diese Wahrheit ist gerade ziemlich ernüchternd.

Wieder einmal frage ich mich nach diesem Eintrag, was Alkohol trinken eigentlich bringt. Irgenwie doch gar nichts. Man schadet seiner Gesundheit, man schadet vlt seiner Familie und Umwelt, man schadet seinem Sparschwein. Diese Einsicht bestärkt mich darin, es bis Tag 30 durchzuhalten, das wäre dann auch der nächste Pokal in meiner App. Da dieses Ziel aber noch 9 Tage dauert, verfahre ich mental weiterhin so wie bisher: ich lasse einfach das erste Glas Alkohol stehen. Jetzt und heute. Und genieße das Gefühl der Freiheit, diesen Willen zu haben.

Erkenntnis des 21. Tages: Ohne Alkohol kann man im Leben nur gewinnen! Man verliert überhaupt nichts.

Hier übrigens der Link zu der beschriebenen App : https://apps.apple.com/de/app/quit-drinking-stay-sober/id1438825566

Seid alle superherzlich gegrüßt. Ich wünsche euch viel Kraft.

Eure Freya