Tag 54: Ich habe wieder Alkohol getrunken-und nun?

Eigentlich passt es mir gar nicht, diesen Eintrag mit diesem Titel zu verfassen. Aber ich tue es – allein wegen mir. Ehrlichkeit währt am längsten, habe ich einmal gehört.

Ich habe Samstag Abend das erste Mal seit Silvester wieder Alkohol konsumiert. Zunächst zwei kleine Gläser Rotwein in einer wirklich schönen Weinstube und anschließend fünf Drinks in einer exklusiven Diskothek mit wunderbarem Ausblick. Alles in allem war es ein sehr gelungener Abend und ich bereue ihn überhaupt nicht, weil ich tolle neue Bekanntschaften geschlossen und sehr viel Spaß gehabt habe.

Ein Tag später fängt natürlich das schlechte Gewissen an, das mir einredet, „es nicht geschafft“ zu haben, das konsumfreie und abstinente Leben. Ich habe jetzt wieder über 24 Stunden keinen Alkohol getrunken und möchte sagen, dass ich mit dem Abend mit Alkohol anfange, in mir Frieden zu schließen und das schlechte Gewissen zum Teufel jage, da es wenig nützlich ist.

Stattdessen führe ich mir vor Augen, dass ich über 50 Tage konsumfrei gelebt habe und an diesem Abend den Alkohol einigermaßen kontrolliert habe. Das ist im Vergleich zu den Jahren mit Alkoholkonsum eine enorme Leistung. Auch sage ich mir, dass die 50 Tage ohne Alkohol mir eine große Sicherheit gegeben haben, dass es möglich ist, ein Leben ohne Alkohol zu führen.

Die Frage, die sich nun stellt, ist wie ich weiterhin vorgehen werde. Ich werde sicherlich wieder ein konsumfreies Leben einschlagen. Ich habe heute beim Pizzaessen wieder Mineralwasser bestellt und mir hat nichts gefehlt. Ich verspüre heute auch überhaupt nicht den Wunsch Alkohol zu trinken. Ich werde mich in Zukunft noch mehr mit dem Thema „Alkohol und Gesundheit“ beschäftigen, um in Erfahrung zu bringen, wie gefährlich Alkohol für den Körper und Geist ist, um in mir eine noch festere Meinung gegen Alkoholkonsum aufzubauen. Auch werde ich den Abend, an welchem ich Alkohol getrunken habe analysieren und der Frage nachgehen, warum es für mich eigentlich „nötig“ erschien zu trinken.

Zudem habe ich mich entschieden, meine App, die die Tage ohne Alkohol zählt, weiter laufen lassen, für mich als Motivation, dass es von 54 Tagen halt eben nur einer mit Alkohol war. Mehr kann ich ja jetzt nicht tun- als das erste Glas wieder stehen zu lassen.

Für alle, die meinen Blog lesen und wissen, dass sie Alkoholiker:innen sind: da rate ich Euch dringend, das erste Glas stehen zu lassen! Ich für meinen Teil war körperlich nie abhängig, ich merkte einfach, dass Alkohol in meinem Leben anfing, eine zu große Rolle zu spielen und dass ich Probleme hatte, ihn nach dem ersten Glas zu kontrollieren. Deshalb beschloss ich an Sylvester, keinen Alkohol mehr zu trinken und mich auf den Weg in ein abstinentes Leben zu machen. Diese Entscheidung war wirklich die beste meines Lebens. Auch wenn sie kurzfristig nun einen Knick erhalten hat, werde ich weiter machen, Nein zum Alkohol zu sagen.

Oft habe ich gelesen, dass Personen nach erneutem Alkoholkonsum meinen, komplett wieder alles auf Neubeginn bezüglich Abstinenz polen zu müssen. Ich denke in meinem persönlcihen Fall, dass ich nicht wieder von vorne anfangen muss, weil ich meinen Körper zuvor schon gut von Giften befreit hatte und auch mental eine Veränderung wahrgenommen hatte und heute wieder spüre.

Für mich ist es nun wichtig, mit der Abstinenz weiterzumachen und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Ich denke nach wie vor, dass ein alkoholfreies Leben eine gute und gesunde Entscheidung ist!

Allerdings musste ich erfahren, dass sich ein abstinentes Leben nicht „von alleine“ macht und dass (bewusste) Ausrutscher dazu gehören.

Seid alle ❤️ lich gegrüßt.

Eure Freya

Tag 50: An Weiberfastnacht nüchtern? Ist das möglich?

Heute 11:11 Uhr. Der Stift wurde auf der Arbeit hingelegt, die Sachen fix zusammengeräumt, der Druck steigt, Karneval kann beginnen. Kölle Alaaf? Ja, aber bitte nüchtern.

Klar denke ich schon den ganzen Tag daran, dass es schön wäre, ein Glas Bier zu trinken. Aber dabei würde es höchstwahrscheinlich und ehrlich gesagt nicht bleiben. Meine Arbeitskollegen treffen sich heute zum Trinken und Feiern. Ich erinnere mich gerade mit einem leichten Gefühl von Übelkeit an letztes Jahr Weiberfastnacht zur gleichen Zeit. Wir tranken und feierten zunächst vor, dann zogen wir durch die Kneipen. Da blieb es sicherlich nicht nur bei einem Bier und am nächsten Morgen ging es mir so hundeelend, dass ich beschloss, nie wieder auf diese Art Weiberfastnacht zu feiern.

Momentan tut es mir generell enorm gut, nicht mit Menschen zu feiern, mit denen ich das normalerweise getan habe. Da komme ich nicht in Versuchung, doch trinken „zu müssen“. Ich habe mich somit heute freundlich von allen Kollegen verabschiedet und angekündigt, in den Kurzurlaub über Karneval zu fahren. Somit poste ich diesen Blogbeitrag nun von unterwegs und ich freue mich, dem Karneval (eher gesagt dem kollektiven Saufgelage) zu entfliehen. Ich habe heute 50 Tage ohne Alkohol gelebt und ich hatte nicht vor, mir diese positive Bilanz zu vermiesen. Ich empfinde eine irrsinnige Vorfreude auf morgen- wissend darum, ausgeschlafen und ohne Kater in den Tag zu starten. Was würde den Tag heute mit Alkohol besser machen? Gar nichts, nehme ich an.

Leider sehen das in Bonn beispielsweise viele Jugendliche anders. Heute Mittag waren bereits viele von ihnen mit Schnaps und Bier stark betrunken in der Innenstadt unterwegs. Krankenwagen mussten kommen um knapp erwachsen gewordene Menschen zu retten, die sich zur Besinnungslosigkeit trinken. Laut Polizei werden die Jugendlichen von Jahr zu Jahr jünger, die sich mit Alkohol an Weiberfastnacht zugießen.

Hier der Link zum Zeitungsartikel:

https://www.general-anzeiger-bonn.de/bonn/stadt-bonn/weiberfastnacht-in-bonn-beuel-polizei-zieht-moderate-zwischenbilanz_aid-49082585

Ich finde es erschreckend, mit welcher Selbstverständlichkeit an gewissen Tagen wie Karneval „gesoffen“ wird. Denn mit maßvollem Konsum hat das offensichtlich wirklich nichts mehr zu tun. An solchen Tagen wird sichtbar, wie viele Menschen trinken und an Karneval scheint es ja fast Pflichtprogramm zu sein, endlich in der Öffentlichkeit eine Legitimation zu haben, sich mit Alkohol zu berauschen und auch öffentlich die Kontrolle zu verlieren. Die Frage, die sich mir stellt, ist dann: wie viele von ihnen haben wohl ein Alkoholproblem? Die Zahlen dürften sehr ernüchternd sein.

Ich für meinen Teil mache das kollektive Trinken heute nicht mit und als Belohnung dafür werde ich mir morgen ein schönes Kleid für den Frühling kaufen und ins Museum gehen. Das Geld dafür habe ich locker mit dem Alkoholverzicht von Weiberfastnacht angespart und ein leckeres Stück Kuchen und ein Buch wird auch noch drin sein.

Ich wünsche allen heute einen klaren Kopf und sage dennoch: Kölle Alaaf.

❤️ liche Karnevalsgrüße

Eure Freya

Tag 43: Wo gibt es Hilfe bei einem Alkoholproblem? Teil 1

Bevor ich die oben formulierte Frage beantworte, möchte ich sofort klarstellen, dass es immer und zu jeder Zeit in Ordnung ist, sich Hilfe zu suchen. Warum betone ich das so? Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich das Hilfe in Anspruch nehmen zu lange vor mich hingeschoben habe, aus Angst und Scham „Alkoholikerin“ zu sein. Oder weil ich meinte, nur wirklich alkoholabhängige Menschen suchen sich dann Spezialisten und Unterstützung. Mir war nicht klar, dass lediglich das Gefühl reicht, zu viel zu konsumieren, um sich gezielt Hilfe suchen zu können.

Viele Menschen trauen sich vielleicht nicht, in einem frühen Stadium der Alkoholsucht Hilfe zu suchen, weil „es ja noch nicht so schlimm ist“, weil es letztendlich ein Eingeständnis ist, dass man irgendwie ein Problem mit Alkohol hat. Meine Meinung ist: sobald eine Person das Gefühl hat, dass er oder sie zu viel Alkohol konsumiert und diese Droge allmählich an Überhand gewinnt, dann sollte man sich Hilfe suchen. Nur die Person allein kann das „Zu viel“ beurteilen, niemand anders.

Und noch ganz wichtig: Die Leute, die man nämlich um Hilfe aufsucht, verurteilen dich nicht. Sie sind entweder vom Staat oder einer Hilfsorganisation dafür bezahlt, das Schlimmste in deinem Leben zu verhindern oder sie setzen sich ehrenamtlich ein, weil sie begriffen haben, wie gefählich Alkohol für manche Menschen sein kann. Manche von ihnen leben selbst abstinent (warum, das spielt ja eine untergeordnete Rolle).

Ich rate jedem, der sich Hilfe suchen möchte, die Suchtberatungsstelle der jeweiligen Stadt aufzusuchen. Ich weiß, hört sich blöd an: Suchtberatungsstelle!!! Bin ich wirklich süchtig? Nein, ich doch nicht! Wisst ihr was? Es ist doch zweitrangig, ob man süchtig ist, oder nicht, ob man sich auf dem Weg in die Sucht befindet oder schon mitten drin steckt. Wichtig ist doch, dass man ein Alkoholproblem hat und mit diesem aufräumen möchte! Das ist doch eine wichtige Erkenntnis und das Beste ist es dann eben mit Leuten zu sprechen, die sich damit auskennen und die dir aufgrund ihrer meistens therapeutischen Ausbildung helfen können. Meine Erfahrung war, dass ich gemeinsam mit meiner Therapeutin über Triggersituationen gesprochen habe, darüber wie ich die nächste Zeit mit oder ohne Alkohol leben will. Ich versuchte mit ihrer Hilfe einen Plan aufzustellen um bewusst und kontrolliert zu trinken. Die Gespräche waren von großer Freundlichkeit und Verständnis geprägt und ich habe jedesmal sehr positiv gestimmt und optimistisch die Suchtberatungsstelle verlassen.

Hier eine Internetadresse, die bei der Suche nach einer passenden Beratungsstelle hilfreich sein kann:

https://www.a-connect.de/beratungsstellen.php

Ich habe in das dafür vorgegebene Feld meine Stadt eingegeben, in der ich lebe und es wurde wirklich die Beratungsstele angezeigt, zu der ich regelmäßig gehe. Wenn ihr euch nicht traut, dort anzurufen, dann schreibt eine Mail und ihr wedet sicherlich eine Antwort erhalten.

Die meisten der Berartungsstellen sind zudem ein wenig außerhalb der Stadt oder versteckt gelegen, ich vermute, um die Anonymität ihrer Besucher zu wahren. Und was noch ganz wichtig ist: Die Beratungsstellen arbeiten unter Schweigepflicht und sie sind gratis. Man muss dort auch nicht die Krankenkassenkarte vorlegen. Also, kein Grund zu falscher Scham. Gemeinsam mit dem Therapeuten oder der Therapeutin wirst du sicherlich den passenden Schritt für dich finden, zumal du das Gefühl haben wirst, endlich dein Leben ein Stück weit in die Hand zu nehmen und aktiv und nicht allein dich mit dem Problem auseinander zu setzen.

Ich gehe nun fast zwei Jahre zu der Beratungsstelle und ich habe mich dank den Gesprächen, die ich alle ein bis zwei Monate geführt habe, angefangen mich mit meinem Alkoholproblem auseinanderzusetzen, mir Informationen rund um die Sucht zu beschaffen. Auch habe ich mir oft Ziele gesetzt, welche Mengen ich vorhabe zu trinken und wie viele konsumfreie Tage ich mir für die Woche vornehme. Ich habe leider oft die Erfahrung gemacht, zu scheitern, über meine mit mir selbst vereinbarte Menge getrunken zu haben. Aber: es gab auch immer wieder Tage, an denen ich als Siegerin hervorging und es gab im Laugfe der Zeit Tage ohne Alkohol, mit wenig Alkohol. Ich refelktierte meinen Umgang mit Alkohol und das war in meinen Augen der erste Schritt.

Seit den Besuchen in der Beratungsstelle habe ich mir auch angewöhnt, nicht länger von „Alkoholabhängigkeit“ zu sprechen. Ich für mich habe ein Problem mit Alkohol. Ich kann ihn nur schlecht kontrollieren. Und ich spreche auch nicht mehr von „Verzicht“ auf Alkohol oder davon „keinen Alkohol trinken zu dürfen“. Ich spreche von Abstinenz und konsumferien Tagen. Auf diesem Wege hört mein Unterbewusstsein nicht ständig das Wort „Alkohol“ und ich fokussiere auf die Freiheit in meiner Entscheidung. Ich lebe frei von Konsum, ich bin eben abstinent. Warum und weswegen? Ist das wichtig? Es geht mir gut damit und es ist meine Entscheidung- jeden Tag aufs Neue.

Deshalb: Erst wenn man beginnt, sich aktiv im draußen Hilfe zu suchen, beginnt man sich dem Problem wirklich zu stellen. Bis dahin versucht man es oft allein und scheitert eventuell bis schon vieles geschehen ist, was hätte verhindert werden können.

Erkenntnis des 43. Tages: Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen. (Pestalozzi)

Ich wünsche allen einen wunderbaren Abend. Bis bald sagt Eure

Freya

Tag 41: „Was, wenn ich doch wieder trinke?“- Umgang mit einem „Rückfall“

Momentan fällt es mir gar nicht mehr auf, dass ich ein Leben ohne Alkohol führe. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil ich den Alkohol überhaupt nicht vermisse. Klar denke ich an Alkohol in Zusammnehang mit meinen Blog und folglich reflektiere ich mein Denken und Empfinden bevor ich mich zu einem speziellen „Content des Tages“ entscheide, aber momentan fühle ich wirklich null Bedürfnis zu trinken. Wie ihr meinen vorherigen Einträgen entnehmen könnt, war das nicht von Beginn meiner Abstinenz an der Fall. Offensichtlich braucht der Körper ud der Geist jedoch einige Zeit, um sich ein anderes und neues Gewohnheitsmsuter zuzulegen. Diese Zeit muss sich der Mensch, der beschließt keinen Alkohol zu trinken, unbedingt einräumen. Ich kann nur anhand meiner eigenen Erfahrung bestätigen, dass sowohl das Bedürfnis als auch der Gedanke nach Alkohol im Laufe der Zeit geringer wird und an manchen Tagen komplett verschwindet.

Was aber, wenn doch eines Tages der Wunsch nach Alkohol so stark wird, dass selbst mein Notfallplan (ich schrieb darüber im vorletzten Eintrag) nicht greifen wird oder ich ihn bewusst ignoriere um doch zu trinken? Wenn ich die Kontrolle dann verlieren und mehr als geplant und gesundheitlich noch im Rahmen trinken werde? Nun ja, erstens werde ich am nächsten Tag wieder einen grausamen Kater haben, und dann?

Wenn ich es nüchtern betrachte, habe ich nach dem Trinken nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Die erste Option wäre à la „Einmal ist Keinmal“, und ich würde es als Anlass nehmen wieder Alkohol zu konsumieren. Ich sehe aber bereits jetzt die Gefahr, schneller als gedacht in meine alten Trinkmuster zu verfallen und es eventuell noch wilder und bunter zu-und hergehen zu lassen wie vor der abstinenten Zeit, quasi als Kompensation. Dass dies passieren kann, schreibt auch Daniel Schreiber in seinem Buch “ Über das Trinken und das Glück“. Folglich, und dass es gilt es sich einzugestehen, zieht man sich noch tiefer in seine Alkoholproblematik hinein.

Von diesem Szenario wenig begeistert, scheint es die zweite und weitaus bessere Variante zu sagen: Okay, es ist passiert, ich fange von vorne an, wieder Tag Null. Ich führe mir vor Augen, wie gut sich die alkoholfreie Zeit für mich angefühlt hat, welche Gründe dafür sprechen, es weiterhin zu versuchen und direkt ab dem nächsten Tag wieder das erste Glas stehen zu lassen. Denn im Grunde genommen habe ich ja keine andere Wahl. Das Leben wird weiter gehen und ich entscheide am kommenden Tag nach dem Konsumieren von Alkohol ja, wie es denn dann weiter gehen wird. Ich werde mich auf keinen Fall für das Trinken verurteilen (warum auch? andere trinken ja auch), ich werde mir nur mein Alkohoproblem eingestehen und vor diesem Hintergrund bewusst wieder versuchen, den abstinenten Weg einzuschlagen, um mich, meine Familie und meine Gesundheit zu schützen.

Nachdem ich die oben formulierte Frage „Was,wenn ich doch wieder trinke“ für mich geklärt habe, ist es nicht mein Ziel, nun doch eine Legitmation zu haben, wieder trinken zu können, weil ich mir heute vorgenommen habe, nach dem „Ausrutscher“ anschließend weiterhin abstinent zu leben. Das wäre fatal und reiner Selbstbetrug. Menschen mit einem Alkoholproblem müssen ehrlich zu sich sein. Ich werde einfach weiterhin jeden Tag probieren, nein zu sagen.

Aber auch ich weiß, dass ich schwach bin und der Tag X der Versuchung doch etwas Alkoholisches zu trinken nahen kann. Deshalb hilft mir momentan das Vertrauen auf Gott, von dem ich mir die nötige Kraft Tag für Tag erbete. Ich bin keine sehr gläubige Person, aber weise genug um zu verstehen, dass an diesem Punkt nur eine Verlagerung in die Transdendenz hilft, in die Einsicht, Vertrauen in eine Kraft zu haben, die stärker ist als man selbt, um gewappnet zu sein für den Augenblick, in dem man es aus eigener Kraft nicht zu schaffen vermag.

Erkenntnis des 41 Tages: Lasse das erste Glas nach einem Ausrutscher wieder stehen, verurteile dich nicht dafür.

Ganz herzliche Grüße an die Welt da draußen und eine wunderbare Nacht.

Eure Freya

Tag 40 ohne Alkohol: Gedanken über mich zu nächtlicher Stunde

Es ist kurz vor Mitternacht und ich kann nicht schlafen. Eine positive Nebenwirkung der Alkoholabstinenz: ich brauche eindeutig weniger Schlaf und ich bin morgens ausgeschlafen. Das Tief Sabine stürmt um das Haus. Und auch in mir war es heute ziemlich am stürmen. Warum, was war mit mir los?

Ich merke zunehmend, dass ich vor mir selbst nicht mehr weglaufen kann. Mein Inneres und meine Bedürfnisse wollen wahrgenommen werden. Klar kann man nun leichtfertig reagieren und fragen: Ist das nicht bei jedem so? Ja, sicherlich. Der Unterschied zu mir aber ist: so lange ich Alkohol konsumierte, sind diese Gedanken und Bedürfnisse gar nicht bis an die Oberfläche gedrungen. Der Alkohol hat verhindert, dass ich diese Gefühle und Gedanken überhaupt zulassen konnte. Sie waren eventuell unbewusst da, aber ich habe sie nicht reflektiert, weil sie betäubt waren, ausgeschaltet waren.

Große Unzufriedenheit machte sich heute in mir breit, ich nahm den Wunsch nach Veränderung wahr. Früher, wenn ich an diesem Punkt war, trank ich ein paar Gläser Wein und ging schließlich auf Partys oder tanzen. Hin und wieder gab es auch einen feucht fröhlichen Abend bei uns daheim. Heute funktuonierte dieses altbekannte Muster des Verdrängens nicht, ich ließ die Gedanken laufen, spürte in meinem Inneren meine Gefühle nach und überlegte mir, was ich eigentlich in meinem Leben suche.

Ich bin beinahe 40 Jahre alt, habe einen gut bezahlten und sicheren Job, zwei Kinder, ein tolles Zuhause, einen wunderbaren Ehemann. Wir leben größtenteils in Harmonie, die Kinder sind gut geraten, wir haben Land um unser Gemüse anzubauen. Woher dann diese Unzufriedenheit? Die Antwort kam in einem Telefonat mit einer Freundin. Ich glaube, ich war seit meiner Jugend immer auf das berufliche Fortkommen fokussiert. Alles hinkriegen, das Leben aufbauen, ja unabhängig sein: Studium, gefolgt von einer harten Ausbildung. Dann, nach einer zehnjährigen Gewaltbeziehung, habe ich endlich einen Mann gefunden, der intellektuell und auch von der Welthaltung her zu mir passt. Familiengründung, nebenher mit Altlasten aus der Vergangenheit aufgeräumt, ein schönes Daheim eingerichtet. Was ich lange nicht bemerkte, weil ich Alkohol konsumierte: Ich bin angekommen an meinem Ziel: ich habe es geschafft, ich kann beruhigt in die Zukunft schauen. Ich kann endlich sagen: Es ist alles gut, wie es ist.

Alkohol gehörte somit unter anderem auch zu meinem Leben, um Existenzängste, Stress und Druck abzubauen. Dieser existentielle Stress ist aber gar nicht mehr notig. Ich habe neue Zeit, neue Räume zu füllen, ich kann mir Projekte suchen, die mich persönlich ausfüllen. Endlich. Ohne die 40tägige Alkoholabstinenz wäre ich zu dieser Einsicht nicht gekommen.

Ich weiß, ich spreche hier von meinem individuellen Fall. Aber ich denke, dass der Mechanismus bei vielen Menschen ähnlich ist: wenn wir Alkohol konsumieren, können wir uns nicht auf unser Inneres fokussieren, darauf, was wir gerade brauchen, um im Leben einen wichtigen Schritt durch eine wichtige Erkenntnis weiter zu gehen und zwar so weiter zu gehen, dass der Körper, die Seele und der Geist dabei im Einklang sind. Bei Alkoholkonsum können die Gefühle, die Veränderung signalisieren, nicht wahrgenommen werden. Bei längerer Abstinenz hingegen ist man aufeinmal in der Lage, in sich hineinzuhorchen, seine innere Stimme zu beachten. Ich persönlich habe heute gelernt, dass alte Gedanken und Ängste längst überholt sind, da ich schon seit einiger Zeit im Leben ganz woanders stehe. Ich hatte es einfach nicht gemerkt!

Erkenntnis des 40. Tages: Inne halten, in sich horchen und um sich schauen. Es ist so vieles Gutes da!

❤️ liche Grüße an alle.

Eure Freya