Tag 15: Mein Weg zum Entschluss „ganz nein“ zum Alkohol zu sagen

Momentan geht es mir sehr gut. Nach 14 Tagen ohne die berauschende Droge Alkohol beginne ich wieder mich selbst zu spüren. Auch werden meine Gedanken klarer. Wie ich bereits in meinem gestrigen Blogeintrag schrieb, fiel der Entschluss gänzlich konsumfrei zu leben, nicht von heute auf morgen vom Himmel.

Damit ihr mal einen Eindruck von meinen Trinkmengen erhaltet, möchte ich kurz über meine Trinkgeschichte berichten. Seit cirka fünf Jahren, würde ich behaupten, gab es wenige Tage gänzlich ohne Alkohol. Vor fünf Jahren noch blieb der Alkoholkonsum meistens im Rahmen (eine halbe Flasche Wein oder zwei bis drei Bier unter der Woche). Am Wochenende oder im Urlaub überschritt die Alkoholmenge aber oft eine Flasche Wein. Und wenn ich feiern ging, dann hatte ich daheim schon eine halbe Flasche Wein getrunken und trank auf der Party cirka noch fünf Hugos obendrauf. Diese Menge hielt sich bestimmt drei Jahre konstant. Dann zog ich um. Ich verlor viel: meine gewohnte Umgebung, einen geliebten Menschen in meinem Leben. Der Stress nahm zu: eine neue Arbeitsstelle, mehr Verantwortung. Es kam immer wieder vor, dass ich am Wochenende abstürzte, dass ich auch unter der Woche mehr als vorher trank. Mir fiel es zunächst gar nicht auf und ich machte mir zu dem Zeitpunkt auch noch keine Gedanken darüber, dass es wohl zu viel Alkohol in meinem Leben gab.

Dann im Früjahr 2017 kam alles zusammen: der geliebte Mensch verließ mich per Whatsapp für immer und mein Vater lag auf der Intensivstation in Lebensgefahr. Niemand wusste, ob er es überleben würde. Ich fing an, mir über das Leben und den Sinn des Lebens Gedanken zu machen. Auch darüber, dass man Einfluss auf seinen Lebensstil hat. Ich sprach im September 2017 das erste Mal mit meinem Hausarzt und gestand ihm, dass ich das Gefühl habe, oft zu viel zu trinken. Er beriet mich dahin gehend, die Suchtberatungsstelle in unserer Stadt aufzusuchen. Diese Entscheidung schob ich dann noch ein halbes Jahr vor mich hin. Ich und abhängig? Habe ich es wirklich nötig, mir helfen zu lassen? Schaffe ich das nicht allein? Fakt war, ich wollte zu dem damaligen Zeitpunkt ja noch trinken, ich wollte mich noch berauschen, ich war noch gar nicht so weit. Und ich kannte keine andere Möglichkeit, das Gedankenkarussel in meinem Kopf ruhig zu stellen und mit Sorgen und Stress umzugehen als Alkohol zu trinken. Unter der Woche trank ich bestimmt cirka fünf kleine Flaschen Bier und am Wochenende in Clubs und auf Partys mindestens zehn Gläser Sekt. Ich merkte ja, dass ich trinken wollte, aber ich merkte auch, dass ich irgendwann würde Stop sagen müssen.

Dieses Dilemma es doch nicht aus eigener Kraft schaffen zu können, brachte mich darauf, die Suchtberatungsstelle aufzusuchen. Die dort anwesende Psychologin hat mich nie danach gefragt, wie viel Alkohol ich konsumiere, es war auch nie die Rede davon, dass ich abhängig sei. Ich denke deshalb, weil es dazu in einem gewissen Stadium vielleicht keine Definition dafür gibt. Oder weil das Label „alkoholabhängig“ auch nicht wirklich nützlich ist, wenn man seinen Alkoholkonsum reduzieren möchte. Was sie tat, war mit mir über mich und mein Leben zu sprechen, darüber, was mich gerade bewegt: über mich, meine Familie, meine Partnerschaft. Sie urteilte nie. Sie stellte bloß Fragen. Und ich hatte einen Raum, in dem ich frei über Nöte, Sorgen und Ängste sprechen konnte. Kurz vor Ende der jeweiligen Stunde haben wir gemeinsam festgehalten, wie mein Alkoholkonsum in der nächsten Zeit aussehen soll, z.B. ein konsumfreier Tag in der Woche, maximal drei kleine Bier am Abend unter der Woche und wenn ich feiern gehe nicht mehr als drei Gläser Wein. Es war immer ich diejenige, die die Alkoholmengen für die nächste Zeit festhielt und das war daran gebunden, was ich mir zutraute, was in der momentanen Lebenslage realistisch sei. Ich fing auch an, selbst über meine Alkoholmengen Buch zu führen. Auch wenn ich die Mengen nicht eingehalten habe, war das in der nächsten Sitzung kein Beinbruch: sie gab mir nie das Gefühl, eine Versagerin zu sein. Im Gegenteil: wir sprachen über die Tage an denen ich mehr konsumiert hatte, als ich es mir eigentlich vorgenommen hatte.

Auch wenn es in dieser Periode von bestimmt eineinhalb Jahren regelmäßig wieder Abstürze und Kater mit Kopfschmerzen gab, so begann ich mir mit professioneller Hilfe Gedanken über meinen Alkoholkonsum zu machen. Ich nutze unter anderem die Seite “ Kenn dein Limit“ um nach durchgezechteer Nacht schwarz auf weiß gespiegelt zu bekommen, wie viele Promille ich im Blut gehabt hatte: https://www.kenn-dein-limit.de/ Diese Seite hat nicht nur einen Onlinepromillerechner parat, sie informiert weitgehend über die Folgen von Alkohol, gesundheitlich akzeptable Trinkmengen usw. Wenn du eine erste Anlaufstelle brauchst, um dich mit deinem Alkoholkonsum auseinanderzusetzen, ist dies sicherlich eine der besten deutschsprachigen Webseiten.

Nach besonders viel Kopfschmerzen und Übelkeit besorgte ich mir cirka zur gleichen Zeit das Buch von Daniel Schreiber mit dem Titel „Nüchtern. Über das Trinken und das Glück.“https://www.suhrkamp.de/buecher/nuechtern-daniel_schreiber_46671.html Es fiel mir einfach so in einer Buchhandlung in die Hände. Auf der angegeben Website findet ihr einen Leseausschnitt.

Und auch wenn ich nach der Lektüre immer noch regelmäßig über die Stränge schlug: ich hatte die Pflöcke eingeschlagen, ich war dabei, mich mit mir und meinem Alkoholkonsum auseinanderzusetzen. Ich versuchte den Alkohol in den Griff zu bekommen und nicht einfach bloß „zu trinken“. Und ich merkte, dass es immer wieder klappte: dass ich auch am Wochenede mich nicht sinnlos betrinken musste, dass ich es schaffte, hin und wieder einen Tag gar nichts trinken müssen. Aber, und das war ein wenig einzweischneidiges Schwert, ich begann auch meine Mengen zu zählen: wie viele Bierkronkorken lagen jetzt am anderen Morgen in der Küche? Waren es vier oder fünf? Wie viele Martini, Sekt und Wodka hatte ich nun auf der Party getrunken? Ich wusste, dass es oft doch zu viel war, dass es gegen meine eigene innere Abmachung war. Dieses Wissen löste in mir ein schlechtes Gewissen aus. Ich versuchte den Alkohol unter Kontrolle zu bekommen und die kleinen soeben beschriebenen Erfolgserlebnisse halfen mir auch dabei, nicht die Zuversicht zu verlieren. Ich befasste mich mit meinen Trinkmengen, ich schaute ihnen in die Augen, indem sie aufschrieb. Monat für Monat mal mehr mal weniger regelmäßig. Was ich sagen möchte: ich wurde nicht Siegerin über Nacht. Ich nahm es mir vor und ich schaffte es nicht. Nach dem ersten Glas Wein am Freitagnachmittag wurde es dann doch das zweite, dritte und vierte. Besonders mit Weißwein konnte ich mir wunderbar die „Birne zudröhnen“. Immerhin wusste ich das nun bewusst und ließ den Weißwein ab da entweder bewusst im Laden, wenn ich keinen Absturz wollte und nahm ihn bewusst mit, wenn ich mich berauschen wollte. Das hört sich jetzt alles vielleicht ein wenig makaber an, das ist jedoch meine Wahrheit, der ich gelernt habe, ins Auge zu sehen. Das war aber erst ab dem Zeitpunkt möglich, wo ich mich bewusst mit mir und meinen Trinkmengen auseinander setzte.

Dennoch: All die Versuche kontrolliert zu trinken, helfen bei mir nicht. Zumindest nicht am Wochenende und an Urlaubstagen. Wenn ich anfange zu trinken, mich betrinken möchte, und sich die Gelegenheit dazu ergibt, weil ich am nächsten Tag nicht zur Arbeit muss, dann tue ich es. Diese Erkenntnis half mir bei dem Entschluss nüchtern werden zu wollen. Ich möchte keine Katerwochenenden mehr erleben, ich möchte Zeit für die schönen Dinge des Lebens haben. Ich möchte meinen Körper und meinen Geist frei werden lassen. Und ich kann bisher sagen: es war ein guter Entschluss. Es fühlt sich mega gut an. Ich fühle eine neue Kraft in mir und obwohl Januar ist, fühle ich die Schmetterlinge des Frühlings in meinem Inneren. Es fühlt sich an wie als kleines Mädchen, als ich mich auf Weihnachten freute oder auf meine Freundin, die ich so lange ich nicht gesehen hatte. Ich fühle wieder wahre Freude im Leben.

Erkenntnis des 15.Tages: Die Wahrheit ist in euch. Sucht euch Hilfe. Erst wenn man beginnt, sich mit dem Feind zu beschäftigen, kann man ihn auch besiegen..

Von Herzen alles Liebe für diesen wunderbaren Tag.

Eure Freya